Durchweg positive Zuschauerreaktionen ermutigten uns, das bisher wohl skurrilste Konzert-Konzept aus der Kunstamtisch-Ideen Werkstatt immer wieder aufleben zu lassen:

(Verquerer musikhistorischer Exkurs, kann übersprungen werden:)

War das Symphonieorchester des 18. und 19. Jahrhunderts mit seiner stark ausgeprägten hierarchischen Gliederung, seiner zentralistischen Ausrichtung auf Werk und Komponist und seiner Nichtbeachtung des einzelnen Musikers ein exakt passendes Pendant zur absolutistischen Gesellschaftsordnung, so fehlte ein solches Pendant bis vor kurzem noch völlig für die demokratischen Gesellschaftsstrukturen des 21. Jahrhunderts.
Nun: es ist gefunden. Das Egolego verbindet erstmals Ensemble-Musik mit basisdemokratischen Prozessen.

(Exkurs Ende.)

Ein Konzert, bei dem das Unvorhersehbare nicht nur zum Prinzip erhoben wird, sondern auch noch als wirkmächtige Waffe vertrauensvoll in die Hände des Publikums gelegt wird. Denn das Publikum darf hier, was sonst in Konzertsälen nicht möglich ist: durch einfache Abstimmungsverfahren stimmen die Zuschauer darüber ab, welcher Musiker welches Instrument spielen soll.

Und zwar unabhängig davon, ob dieser Musiker das Instrument kennt, beherrscht oder schon jemals zuvor gesehen hat. Wer mit relativer Mehrheit der Stimmen beispielsweise an die Trompete gewählt wird, der muss ran, und versuchen, dem Gerät Töne zu entlocken. Das Peinlichkeits-Potential für die Musiker ist dementsprechend gigantisch, steht aber in direkter Proportion zum Spaßfaktor für die Zuschauer.

Dass unter diesen Voraussetzungen alle Musik auf rein improvisatorischer Basis vor sich gehen muss, versteht sich von selbst. Es stehen also Musiker auf der Bühne, die im Moment des Auftritts erst erfahren, welches Instrument sie spielen sollen, und mit wem zusammen, und sollen nun ungeprobt drauflos spielen. Man sieht leicht, dass es nötig ist, den Spielern eine Stütze an die Hand zu geben, die verhindert, dass alles ins völlige Chaos abdriftet. Diese Stütze stellt der Vorleser dar: im Zentrum des Geschehens steht ein Mann mit einem Buch, der Texte, Gedichte, Kurzgeschichten, Dialoge etc. rezitiert. Diese Texte, die den Musikern vorher bekannt sind, sollen nun während des Lesens musikalisch untermalt werden. Aber von wem, womit, wie lange und wie überhaupt… das entscheidet das Publikum. Es kann also alles mögliche geschehen. Sie wünschen, wir spielen.

Chronologie der bisherigen drei Egolegos, ein viertes kann jederzeit kommen:

1. EgoLego (15. Juli 2007, Leibniz-Gymnasium-Altdorf)

Texte Wecker: “Däumlingsgesetze”, Borchert: “Die 3 dunklen Könige”, “Eurosport”, “Im Parforce-Ritt – das Alban-Berg-Quartett im Herkulessaal”, Völkl: “Nicht mehr”, Kinderzimmer Productions: “Twoinonetwo”
Mitwirkende
Boris Ackermann, Mathias Bechert, Max Geyer, Christian Macht, Steffen Murau, Wolfgang Völkl

2. EgoLego (11. Januar 2009, E-Werk Erlangen – Kellerbühne)

Texte Goethe: “Prometheus”, Schwitters: “Anna Blume”, C. Enzensberger: “Zipferlak”, Schätzing: “Keine Angst!”, Strouhal: “Schachpartie Grünfeld-Rubinstein”, Moers: “Rumo”, Pschyrembel: “Klinisches Wörterbuch”
Mitwirkende Mathias Bechert, Max Geyer, Christian Macht, Dmitrij Maximov, Steffen Murau, Felix Vestner, Wolfgang Völkl

3. EgoLego (12. Juli 2009, E-Werk Erlangen – OpenAir)

Texte Poe: “The Tell-Tale Heart”, Eco: “Wie man mit einem Lachs verreist”, Moers: “Der Fönig”, Brecht: “Der Choral vom großen Baal”
Mitwirkende
Stephan Geyer, Christian Macht, Dmitrij Maximov

Es wurde abwechselnd und nach Publikumswunsch auf  Klavier, Gitarre, Cello, Trompete, Schrotthaufen und an den Stimmbänder gespielt.

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