Ein bekanntes virtuelles Standardlexikon informiert uns: “Das Schreien ist eine Funktion der Stimme, die sich durch eine hohe Lautstärke und meist durch starke Emotionalität auszeichnet.”
Diese beiden Eigenschaften, so fanden wir, hat das
Schreien mit vielen Musikstücken gemeinsam. Warum also nicht das Experiment wagen, und eine CD aufnehmen, auf der zwar eine zeitlich organisierte Dramaturgie erklingt, aber eben nicht wie üblich mit Musik angefüllt, sondern nur mit Geschrei? Mag diese Idee zunächst abwegig und vielleicht sogar eintönig erscheinen, so hält sie doch bei näherer Betrachtung eine große Variationsbreite bereit. Denn das obige Standardlexikon erläutert weiter: “Es [das Schreien] erfüllt kommunikative Zwecke und ist oft Ausdruck von Unmut und Unbehaglichkeit, Hunger oder Schmerz. Es gibt unterschiedliche Arten des Schreiens, die sich in Stärke und Intonation unterscheiden.”
Vor allem jene Varianten in Stärke und Intonation, und auch im kommunikativen Gehalt, interessierten uns besonders: die menschliche Stimme ist seit Jahrhunderten das vielseitigste Instrument der abendländischen Musik – doch welche kaum erprobten Gebiete liegen noch jenseits der engen Grenzen des Gesangs? Wimmern, heulen, weinen, flüstern, wispern, jaulen, krächzen, gurgeln, grunzen, brüllen, schreien – den Ausdrucksmitteln scheinen kaum Grenzen gesetzt.
Weiter im Lexikon: “Das Schreien kann aber auch die Form sprachlicher Äußerungen annehmen, etwa durch laute nachdrucksvolle Äußerungen von Worten oder Lauten. Bei gegenseitigem Anschreien steigert sich oft die Intensität. Der eigentliche Inhalt spielt dabei immer weniger eine Rolle.” Für unser Projekt schien uns die abstrakte, nichtsprachliche und damit musiknähere Form des Schreiens die angebrachtere. Wo hier Worte fallen, so sind sie entweder frei der Phantasie entsprungen, oder in der Aussprache bewusst bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Verbflüffend dabei ist, wie ohne Worte die Kommunikation gleichsam viel direkter und intensiver wird: das “gegenseitige Anschreien”, aber auch das Miteinander-Schreien sind es, die den eigentlichen Reiz des entstanden Klangwerks ausmachen. Im gegenseitigen Sich-Beeinflussen entstehen dramaturgische und dynamische Verläufe von überraschender Reichweite.
Und so entstand schließlich die abrundende Idee, dem
Werk eine klassische Form zu geben, die animalische Lautäußerung in den Käfig kultureller Errungenschaften zu sperren, und aus dieser Spannung neuen Reiz zu gewinnen.
Entstanden sind schließlich unter dem Titel “Scream of Consciousness” fünf höchst unterschiedliche Tracks, die in ihrem Verlauf der klassischen fünfaktigen Dramenordnung nachgebildet sind. Ein Experiment, ein in vielerlei Hinsicht recht rohes Experiment sogar, und dennoch auf eigenwillige Art ein mal beklemmendes, mal befreiendes, mal belustigendes, mal verwirrendes, immer jedoch bestechendes Klangerlebnis.
Alle fünf Tracks als mp3-Dateien zum herabladen gibt es hier. Oder natürlich auch zum reinhören:
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